Lösungen von der Vision zur Umsetzung
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Dr. Andreas Hufgard
(veröffentlicht in S@PPORT 04/2009)
Mit welcher technischen Plattform kann eine flächendeckende Qualitätsmessung von SAP-Prozessen erreicht werden? Dieser Frage ging ein Entwicklerteam der IBIS Prof. Thome AG auf den Grund. Dabei sollte der Prozessfluss bis auf Geschäftsvorfalltiefe bewertet werden – und zwar bezüglich seiner betriebswirtschaftlichen, organisatorischen und zeitlichen Ausnahmen.
In diesem Projekt untersuchten die Entwickler nicht nur an einigen Stellen Werte und Kennzahlen im SAP-System, sondern sie tauchten an vielen, dem Prozessverlauf folgenden Punkten tief in die Tabelleninhalte ab. Dabei wurden zwei technische Plattformen ausgewählt. Einerseits untersuchte das IBIS-Projekteam die Möglichkeiten von SAP Business Warehouse (BW), andererseits die der eigenen Plattform RBE Plus. Letztere beruht auf dem Reverse-Business-Engineering-Ansatz, der eine toolgestützt Analyse von produktiven SAP-Systemen ermöglicht. Mit dieser Plattform durchleuchtet IBIS Prof. Thome bereits seit einigen Jahren die Nutzung von SAP-Systemen im laufenden Betrieb.

Die Entwicklungsphase, die ein Team von RBE-Plus-Inhaltsentwicklern und ein weiteres Team von SAP-BW-Entwicklern begleitete, verlief zweistufig. In der ersten Phase wurde nach Definition und Aufbau der Inhaltsstruktur, einer betriebswirtschaftlichen Prozessreferenzstruktur mit über 4800 Elementen, Top-Down vorgegangen. Die Entwickler teilten die 16 Geschäftsprozesse in 82 serviceorientierte, betriebswirtschaftliche Abschnitte auf, die so genannten Pipeline-Services. Innerhalb eines solchen Service – wie Kundenauftragserfassung – wurden die unterschiedlichen Leistungen in 403 Pipelines unterteilt. Innerhalb einer Pipeline – wie Kundenauftrag mit Bezug zu Kontrakten – konnten bis auf Geschäftsfallebene Normal- (>1600) und Ausnahmefälle (>2500) identifiziert werden. Diese Vorgehensweise wird als Prozess Pipeline Analyse bezeichnet.
In der zweiten Phase definierten die Teams die daraus abgeleiteten Anforderungen und setzten sie prototypisch um. Parallel dazu untersuchten die BW-Experten die Umsetzbarkeit, insbesondere die Wiederverwendbarkeit vorhandener InfoCubes oder von Extraktoren in SAP BW, welche die Entwicklung beschleunigen.
Aus diesen beiden Phasen wurde deutlich, dass in SAP BW bis einschließlich der Extraktoren, sprich der ABAPs, welche die Daten aus dem ERP-System herausziehen, alles neu entwickelt werden musste. Da der mit der Prozess Pipeline Analyse verfolgte methodische und inhaltsgetriebene Entwicklungsansatz sehr gut auf ein Data Warehouse übertragbar war, ging dies zügig vonstatten. So bestand der größte Aufwand darin, die Extraktionsbasis zur Verfügung zu stellen. Der übergreifende Charakter der Analyse machte es allerdings notwendig, sehr breite und spezielle Extraktoren zu bauen, um die für eine Prozessmessung nötigen Daten herauszuziehen.
Eine weitere Herausforderung stellte die Datenaufbereitung dar. Auf Basis eines speziellen Werkzeugs, dem RBE Plus Center, das die Inhaltsentwickler für die Prozess Pipeline Analyse im Rahmen der Produktentwicklung nur wenig verändern und erweitern mussten, gab es bereits viele Strukturen und Darstellungselemente. Diese konnten herangezogen werden, um die Aufbereitung so weit wie möglich zu vereinfachen. Doch führte die Übertragung dieser Konventionen der Daten-Transformation und -Aufbereitung im BW zu einigen Herausforderungen. Sukzessive ließen sich diese jedoch lösen, so dass die Inhalte am Ende der ersten Projektphase sowohl auf einem eigenständigen Werkzeug als auch als Sammlung von BW-InfoCubes, Queries, Extraktoren etc. zur Verfügung standen. Die Projektergebnisse waren schließlich so weit fortgeschritten, dass SAP den BW-Content für IBIS Prof. Thome als Partner Content zertifizierte.

Warum nutzt IBIS Prof. Thome nach wie vor zwei Plattformen für den gleichen Inhalt? Diese Frage lässt sich leicht beantworten, denn beide Plattformen haben unterschiedliche Vorteile, die je nach Ausgangssituation zum Tragen kommen. So ist der RBE Plus Center bei einem neuen Kunden schneller in der Umsetzung des Analyseprozesses. Anhand der ersten Analyseergebnisse und der jeweiligen betriebswirtschaftlichen Anforderungssituation des Kunden lassen sich daraus resultierende Anpassungen in kürzerer Zeit realisieren. Dies liegt einerseits an der flexiblen RBE Plus-Technologie, die es erlaubt, den Analyseprozess sofort auf der Grundlage eines eingespielten Extraktors zu beginnen. Und dies aus dem Stand, ohne weitere Installation und als Serviceprojekt. Auch muss keine aufwendige Erweiterung und Systemintegration des BW mit einem ERP-System aufgebaut oder geändert werden. Andererseits verfolgt RBE einen Generator-Ansatz: Anpassungen, die Inhaltsentwickler auf einer Strukturebene „designen“, werden automatisch an die Extraktoren durchgereicht. Kundenanforderungen können dadurch viel schneller adaptiert werden.

Eine Besonderheit der RBE Plus-Technologie ist, dass sich die durchgeführten Prozessanalysen auf Gestaltungsfragen beziehen, die das Management von Geschäftsprozessen beeinflussen. Um Messwerte zu erhalten, welche die Prozessverantwortlichen miteinander vergleichen können, sollten die Analysen quartalsweise (periodisch) oder auf Projektanforderungen (vorher/nachher) hin durchgeführt werden. Darüber hinaus muss der Analyseumfang der untersuchten Geschäftsvorfälle ein gewisses Maß an Abdeckung erreichen, um daraus belastbare Schlussfolgerungen ziehen zu können. Für diese Form der Analytik entwickelte IBIS Prof. Thome das RBE Center Tool: Ausgehend von der Verdichtung und Voranalyse im Hauptspeicher werden nur relevante, strategische Prozessindikatoren und Messwerte extrahiert, die auch aus dieser analytischen Perspektive langfristig sinnvoll sind.
Dieses Messkonzept versucht Flexibilität mit Stabilität sowie Vergleichbarkeit der Messpunkte und -ergebnisse zu verbinden. Ein Browser erlaubt den einfachen Zugriff auf diese Faktenbasis, die darüber hinaus nach Organisationssichten oder Zeiten differenziert werden kann. Ein weiterer Vorteil des RBE Plus Center liegt in der eher auf Referenzstrukturen ausgelegten Technologie. Von dort aus ist beispielsweise eine einfache Integration in andere Business-Process-Management-Werkzeuge möglich.
SAP BW ist grundsätzlich eher auf eine betriebswirtschaftliche oder eine Business Performance Analytik hin ausgelegt. Tabellarische Strukturen und Aufbereitungen sind davon stark geprägt. Im BW ist es jedoch möglich, über die Prozess Pipeline Analyse Indikatoren in eine Verbindung mit betriebswirtschaftlichen Auswertungen zu bringen. Die Vorteile des BW-InfoCubes oder des BW-Einsatzes liegen deswegen eher in diesen Anwendungsfällen. Sieht ein Kunde aufgrund der Analyseinhalte auch Handlungsbedarf im täglichen operativen Betrieb, so kommt SAP BW als Plattform zum Einsatz. Dabei werden diejenigen Qualitätsindikatoren zur Bewertung der Geschäftsprozesse im BW aktiviert, beziehungsweise implementiert, die auch für eine kurzfristige Betrachtung grundlegend erscheinen. Die Unternehmensleitung kann dadurch in einem täglichen oder wöchentlichen Zyklus mit neuen Daten versorgt werden, um direkt im operativen Betrieb und näher am Ereignis einer betriebswirtschaftlichen Ausnahme handeln zu können.
In SAP BW kann es darüber hinaus hilfreich sein, weitere Attribute anzufügen. Neben den charakterisierenden Attributen, wie Positionstypen, können auch Umsatzzahlen und weitere betriebswirtschaftliche Aspekte hinzugefügt werden. So lässt sich der Kontext für die Ausnahmebehandlung anreichern, um für den Einzellfall den Zusammenhang zwischen Prozessproblem und betriebswirtschaftlicher Wirkung schnell erkennen zu können. Aufgrund des deutlich höheren Aufwandes, auf einer BW-Plattform entsprechende Analyseinhalte zu pflegen und die Daten vorzuhalten, ist es sinnvoll, je nach Prozessanalyseumfang einen Anteil von 20 bis 30 Prozent der Indikatoren in SAP BW zu implementieren. Das BW ist somit ein Messinstrument für kritische, tagesaktuelle Themen und Ausnahmen.
Im Gegensatz zu SAP BW nutzt das RBE Plus Center die Inhalte der Pipelineanalyse für eine strategische, gestaltungsorientierte Qualitätsmessung und -verbesserung der Prozesse, um flächendeckend die Stabilität des Prozessflusses und die Bedeutung von Prozessproblemen systematisch und differenziert zu verfolgen und zu bewerten. So bieten beide Werkzeuge durch ihre jeweiligen Eigenheiten einen Vorteil hinsichtlich der Gesamtkosten, der Effizienz und der Effektivität einer Prozessanalyse.
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